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Geschichte und Wissenschaft

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Anfänge

Nicht was wir von Hand schreiben, sondern wie wir schreiben, steht im Zentrum der Graphologie. Jede Handschrift ist persönlich, genauso wie Körpersprache, wie wir uns bewegen und sprechen, Mimik und Gestik. Schon ab dem 19. Jahrhundert begannen in Frankreich Abbé Jean-Hippolyte Michon und Jules Crépieux-Jamin Merkmale der Handschrift mit dem Charakter der Schreibenden zu vergleichen und daraus psychologische Deutungen abzuleiten. So entwickelte sich, insbesondere im 20. Jahrhundert, die Lehre der Graphologie mit ihren unterschiedlichen Ausrichtungen.

Die Schweizerische Graphologische Gesellschaft/Société Suisse de Graphologie wurde am 18. September 1950 in Zürich als Berufsverband von 28 fachlich qualifizierten Graphologen gegründet. Das erste Präsidium übernahm Dr. Max Pulver.
Die Ziele der Gesellschaft waren die Förderung der wissenschaftlichen und angewandten Graphologie unter Wahrung eines definierten Berufsethos.

Entwicklung

Nach einer Hochblüte hat die graphologische Lehre in den letzten 20 Jahren aus verschiedenen Gründen an Bedeutung verloren. Einer davon ist, dass sie es nicht überzeugend geschafft hat, die Validität ihrer Aussagen mit quantitativen Methoden zu belegen, was für eine gesicherte wissenschaftliche Theorie zentral ist.

 

Dessen ungeachtet wagten mutige Graphologinnen und Graphologen, Aussagen zu Begabungen, Neigungen oder zu fachspezifischen beruflichen Fähigkeiten zu machen. Dies mit einigem Erfolg bei Auftraggebenden, mit dem Risiko, ihre Interpretationen wissenschaftlich nicht belegen zu können und die Methode zu überschätzen.

Heute – Graphologie als Wissenschaft

Evident ist, dass die Handschrift, in der Schule nach einer Vorlage eingeübt und automatisiert, sich individualisiert, meistens unbewusst, aber auch (bewusst) gewollt. Sie ist Teil des persönlichen Ausdrucks, genauso wie die Gangart, die Gestik oder die Modulation der Stimme beim Sprechen. Ihr Vorteil ist, dass sie auf dem Blatt Papier fixiert bleibt und dadurch beliebig beobachtet werden kann, währenddessen sich die anderen Ausdrucksformen im Entstehen wieder verflüchtigen, ausser man hält sie filmisch fest.

 

Somit können Merkmale der Handschrift mit Merkmalen der Persönlichkeit der Schreibenden verglichen und daraus Deutungshypothesen abgeleitet werden. Aus wissenschaftlicher Sicht müssen dabei forschungsmethodische Anforderungen ernst genommen werden. Solange psychologische Deutungen über die Persönlichkeit der Schreibenden aus persönlichen Beobachtungen gewonnen werden, befindet sich die Graphologie auf der Ebene der qualitativen Forschung. Sie kann ihre Befunde als plausible Hypothesen formulieren und damit arbeiten, das heisst im Einzelfall deren Validität überprüfen, einerseits durch das direkte Gespräch mit der schreibenden Person oder andererseits im Gespräch mit Drittpersonen, welche diese Person gut kennen.


Die nächste Stufe der wissenschaftlichen Forschung ist die Verifizierung der graphologischen Hypothesen mittels quantitativer Methoden. Dazu gab und gibt es auch heute wertvolle Bemühungen, denen allerdings die Schwierigkeit anhaftet, dass sie den Gegenstand ihrer Forschung reduzieren müssen, um Messbarkeit zur erreichen. Dies wiederum führt zur Frage, ob die Untersuchungen wirklich das messen, was Graphologinnen und Graphologen in der Praxis tun.

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